Ronda

Tier- und Pflanzenwelt

An der Flora und der Vegetation der Sierra Nevada ist ihre Vielfalt und die große Zahl einzigartiger Pflanzen bemerkenswert. Insgesamt fast 2000 Arten Farn- und Blütenpflanzen gibt es hier. Davon kommen 64 nur hier vor; die Botaniker nennen solche Arten mit kleinräumiger Verbreitung

Endemiten. Einige dieser Endemiten sind Relikte der Eiszeiten. Während der Kälteperioden konnten sie in unvergletscherten Bereichen der Hochgebirge überleben (Relikt-Endemiten). Andere sind erst mit den Eiszeiten hierhergelangt: Viele Arten des Nordens zogen sich während dieser Zeit nach Süden zurück. In der Nacheiszeit, als die Temperaturen wieder stiegen, besiedelten sie die oberen Lagen der Gebirge. Im Laufe der Zeit haben sich viele Sippen genetisch so weit verändert, daß neue Arten entstanden, die nur in der Sierra Nevada vorkommen (Neo-Endemiten). Einige Arten sind jedoch seit den Eiszeiten unverändert gebleiben. So können wir in der Sierra Nevada Arten finden, die aus der Arktis kommen. Ein Beispiel ist der Gegenblättrige Steinbrech, der auch in den Alpen vorkommt.

Daß heute so viele Pflanzen in der Sierra Nevada leben, hat seinen Grund auch in der großen Zahl verschiedener Lebensräume. Geologisch finden wir neben dem Glimmerschiefer des Kerns in den Außenbereichen Kalk- und Dolomitgestein. Der Hauptfaktor ist aber die Höhe. In der Sierra Nevada kommen als einzigem Gebirge Spaniens von der thermo- bis zur crioromediterranen alle Höhenstufen vor.

Die Hauswurz Sempervivum nevadense, einer der Endemiten der Sierra Nevada.
© Jürgen Paeger

Die Steineichenwälder der thermo- und der mesomediterranen Höhenstufe sind weitgehend verschwunden. Landwirtschaftliche Kulturen haben sie verdrängt. Holznutzung oder Beweidung haben bewirkt, daß auch in Gelände mit ungünstiger Topographie, wie Gebirgskämmen und Hängen mit großer Neigung, nur Buschwald und Zwergstrauch-Gebüsch übergeblieben ist.

Die supramediterrane Höhenstufe ist von der Pyrenäen-Eiche gekennzeichnet. Da sie nur bei erhöhter Luftfeuchtigkeit und auf tiefen und frischen Böden wächst, beschränkt sich ihr Vorkommen an der Nordseite auf die Flußtäler. Ein prächtiger Bestand ist z. B. bei Hazas Llanas im Becken des Genil anzutreffen. An der Südseite findet diese Art genug Feuchtigkeit dagegen nur an Hängen, die zum Meer weisen. In der Alpujarra kann man solche Wälder bei den Orten Soportujar und Cáñar sehen. Nur noch Reste finden wir von den Seidelbast-Ahorn-Wäldern, die auf tiefen, basischen Böden die natürliche Vegetation dieser Höhenstufe bilden. An ihren Standorten wurden gerne Kiefern gepflanzt, so daß wir hier jetzt oft Seestrandkiefern-Wälder finden.

Entlang der Flüsse und Bäche dieser wie auch der folgenden, oromediterranen Höhenstufe finden wir Hochstaudenfluren, die an die Alpen erinnern. In diesen Fluren wachsen der gelbblühende Eisenhut Aconitum vulparia subsp. nevadensis und der blaublühende Aconitum burnatii, der von den anderen blaublühenden Eisenhut-Arten in Spanien durch die drüsige Behaarung seines Blütenstands unterschieden wird. Die ebenfalls hier wachsende Akelei (Aquilegia vulgaris subsp. nevadensis) hat dagegen dicht drüsig behaarte Blätter.

Die Stinkwacholder-Kiefernwälder der oromediterranen Höhenstufe auf Kalk sind meist durch ein Degradationsstadium ersetzt, das über weite Strecken das Landschaftsbild bestimmt. Die Pflanzen haben als Anpassung gegen die starke Einstrahlung am Tag und gegen die Trockenheit eine typische Wuchsform ausgebildet. Der kissenförmige Wuchs und die kleinen, oftmals zu Dornen reduzierten Blätter der Pflanzen haben dieser Höhenstufe auch den Namen "Igelzone" eingebracht. Der Blaue Stachelginster sowie die Kreuzblütler Vella spinosa und Ptilotrichum spinosum sind typische Pflanzen dieser Zone. Auf Silikatböden sind die Sträucher der Igelzone von vornherein die natürliche Vegetation. Charakteristisch sind Arten wie Gemeiner Wacholder, Stink-Wacholder und Betischer Ginster. Noch häufiger sind die Degradationsstadien mit dem Gliedkraut Sideritis glacialis und der endemischen Thymian-Art Thymus serpylloides, die in der Alpujarra als Gewürz genutzt wird. Hier wächst auch der ebenfalls endemische Korbblütler Leucanthemopsis radicans, dessen Blätter oft zum Strecken der Sierra-Nevada-Kamille verwendet werden.

Von besonderem Interesse sind für Pflanzenlieber die Vegetation der Geröllfelder und der Felsen. Von weitem oft unbewachsen und öde aussehend, beherrbergen sie viele interessante Arten. So finden wir an Silikatfelsen neben dem Grünen und dem Nordischen Streifenfarn einen weiteren Endemiten, die Hauswurz Sempervivum nevadense. Die Geröllfelder, die in der Sierra Nevada meist von Silikatgestein gebildet werden, sind der Lebensraum des Fingerhuts Digitalis purpurea subsp. nevadensis. Das ist eine Unterart des Roten Fingerhuts, der bei uns in Deutschland auf Schlägen in Wäldern wächst. Besonders reich an Endemiten sind die Geröllfelder oberhalb von 3000 m, in der crioromediterranen Höhenstufe. Das Leinkraut Linaria glacialis mit seinen auffälligen violett-gelben Blüten und das Veilchen Viola crassiuscula sind nur zwei Beispiele.

Ein anderer hochinteressanter Lebensraum der oberen Lagen der Sierra Nevada sind die "borreguiles", die feuchten Säume und Ränder der Lagunen und der Bäche. Sie sind der Lebensraum des fleischfressenden Fettkrauts Pinguicula nevadensis. Schillernde, klebrige Drüsenhaare auf den Blättern dieser Pflanze locken Insekten an, die dort festkleben und verdaut werden. Andere auffällige Arten sind der gelbblühende Hornklee Lotus glareosus und der weiß-gelb 

Die grünen Ränder der Hochgebirgsseen wie hier die Siete Lagunas (Tour 27) beherrbergen seltene Pflanzenarten. © Jürgen Paeger

blühende Hahnenfuß Ranunculus acetosellifolius - ebenfalls ein Endemit der Sierra Nevada, wie auch der dicht weiß behaarte Wegerich Plantago nivalis und die Sierra-Nevada- Kamille, um nur noch zwei von den Botanikern besonders geschätzte Arten zu nennen.

 Die Sierra-Nevada-Kamille

Die Sierra-Nevada-Kamille hat eigentlich den falschen Namen. Botanisch gehört sie zur Gattung Artemisia, deren deutsche Namen Beifuß oder Edelraute sind.

Diese kleine Art hat 3 - 5 unscheinbare, köpfchenförmige Blütenstände. Ihre Blätter sind dicht mit seidigen Haaren überzogen, was der Pflanze einen Silberschimmer gibt. Für die Wissenschaft wurde sie im Jahr 1837 entdeckt. Der Schweizer Botaniker Edmond Boissier beschrieb sie in seinem Buch "Voyage botanique dans le Midi de l'Espagne pendant l'année 1837". Er bezeichnete sie noch als sehr häufig. In seinem Buch stand auch, daß diese Pflanze für ihren medizinischen Nutzen berühmt sei und von den Schäfern in großer Menge geplückt werde, um sie in Granada zu verkaufen. Vor allem das Sammeln führte dazu, daß die Sierra-Nevada-Kamille heute vom Aussterben bedroht ist. Wenn auch das Sammeln seit 1982 verboten ist, ist das Überleben der Art noch nicht gesichert. Es gibt nur noch wenige, sehr kleine und voneinander isolierte Vorkommen. Und immer wieder wird sie illegal angeboten. Dabei ist ihr medizinischer Wert eher bescheiden: Er beschränkt sich auf den Magen- und Darmtrakt, wo andere, wesentlich häufigere Arten ebenso wirksam sind. Zudem wird die Pflanze oft mit anderen gemischt, etwa mit dem Korbblütler Leucanthemopsis pectinata. Dessen Blätter können nur Experten von denen der Sierra-Nevada-Kamille unterscheiden; eine medizinische Wirkung fehlt im völlig.

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© Jürgen Paeger 2004